Torsten Pinter vom Hotel & Conference Center Sempachersee. Bild: zVg
21.09.2026 16:07
«Wer nur fürs Seminar kommt und einen Tag früher abreist, verpasst das Beste»
Kongressgäste kennen die Region Sempachersee oft nur aus dem Fenster ihres Tagungsraums. Ein Seeblick, ein Abendessen, und am nächsten Morgen geht es wieder zurück. Dass dieser Blick erst der Anfang von etwas wäre, das die meisten nie entdecken, weiss Torsten Pinter besser als die meisten.
Er ist General Manager des Hotel & Conference Center Sempachersee in Nottwil, einem der grössten Kongresshotels der Zentralschweiz und gleichzeitig Teil der Schweizer Paraplegiker-Gruppe. Im Gespräch erzählt er, warum die Region mehr ist als ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Luzern und was Businessgäste verpassen, die einen Tag zu früh abreisen.
Torsten Pinter, das Hotel & Conference Center Sempachersee liegt auf dem Campus der Schweizer Paraplegiker-Gruppe. Das ist eine ungewöhnliche Kombination. Wie erklärt man das Gästen, die zum ersten Mal ankommen?
Torsten Pinter: Man erklärt es am besten gar nicht, man lässt die Leute ankommen und dann verstehen sie es von selbst. Natürlich ist es auf den ersten Blick ungewöhnlich: ein Vier-Sterne-Hotel neben einer Rehabilitationsklinik, neben einem Forschungsinstitut, neben einem Besucherzentrum. Aber wenn man einen Abend lang über den Campus läuft, merkt man, dass das kein Widerspruch ist. Es ist eine Gemeinschaft. Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer, Mitarbeitende, Hotelgäste, Besucherinnen und Besucher, alle auf demselben Gelände, mit unterschiedlichen Zielen. Und das funktioniert. Gelebte Inklusion ist hier kein Programmpunkt, den wir auf eine Broschüre schreiben, sondern schlicht der Alltag.
Die Region Sempachersee steht oft im Schatten Luzerns. Ärgert Sie das?
Ärgern ist das falsche Wort. Luzern ist eine wunderschöne Stadt mit internationalem Ruf, das ist völlig berechtigt. Aber die Kehrseite davon sind Warteschlangen vor der Kapellbrücke und Reisegruppen, die sich durch die Altstadt schieben. Wer das kennt, weiss, dass die Stille am Sempachersee ein anderes Angebot ist. Nicht schlechter, nur anders. Und vielleicht gerade deshalb unterschätzt, weil Stille keine gute PR macht.
Was verpassen Businessgäste konkret, wenn sie direkt nach dem Seminar abreisen?
Das Beste. Das sage ich nicht als Verkaufsargument, das sage ich, weil ich es jeden Tag beobachte. Gäste kommen für zwei Tage, sind in Meetings und Workshops vertieft, checken am dritten Morgen aus und dann höre ich beim Frühstück: «Ich hatte keine Ahnung, dass hier so viel ist.» Dieser Satz fällt, wenn die Leute am Vortag noch den See entlanggelaufen sind, das ParaForum besucht oder mit dem Velo nach Sursee gefahren haben. Wer das nicht tut, reist mit einem halben Bild ab.
Was genau ist das ParaForum, und warum empfehlen Sie es so oft?
Das ParaForum ist das Besuchszentrum der Schweizer Paraplegiker-Stiftung – mitten auf unserem Campus. Auf rund 400 Quadratmetern zeigt die multimediale Ausstellung, was eine Querschnittlähmung wirklich bedeutet: im Alltag, in der Familie, in Freundschaften und im Leben. Vier fiktive Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer erzählen ihre Geschichten und geben persönliche Einblicke in die kleinen und grossen Herausforderungen des täglichen Lebens. In Rollstuhlparcours können Besucherinnen und Besucher selbst erfahren, wie sich manches davon anfühlt. Wer noch mehr über die Welt der Querschnittlähmung erfahren möchte, kann ausserdem bei einem geführten Rundgang das Schweizer Paraplegiker-Zentrum kennenlernen – Europas grösste Klinik für die ganzheitliche Rehabilitation von Menschen mit Querschnittlähmung. Und das Schönste: Der Eintritt ins ParaForum ist kostenlos. Ich empfehle einen Besuch aber nicht einfach deshalb, weil wir hier auf demselben Campus sind. Ich empfehle ihn, weil dieser Besuch etwas mit einem macht. Man geht hinein, schaut, hört, erlebt – und kommt ein wenig anders wieder heraus. Und wer anschliessend am See spazieren geht, hat vielleicht einen anderen Tag als jemand, der das ParaForum nicht besucht hat.
Der Sempachersee hat einen knapp 20 Kilometer langen Weg rund um das Ufer. Was macht diese Route besonders?
Dass sie sich nicht wie eine Route anfühlt. Damit meine ich: Es ist keine ausgeschilderte Sehenswürdigkeitenroute mit Erklärtafeln alle 200 Meter. Es ist ein Weg durch Naturschutzgebiete, durch Schilf, an Riedwiesen entlang, durch kleine Dörfer, die nicht auf Tourismus ausgerichtet sind. An manchen Stellen hört man den See, bevor man ihn sieht. Im Frühling und Herbst begegnet man einer Vogelwelt, die in dieser Dichte selten geworden ist. Die Route teilen sich Joggernde, Familien und Velofahrende. Kein Stau, keine Warteschlange. Für Kongressgäste, die nach zwei Tagen Sitzungssaal Luft brauchen, ist das oft genau das Richtige.
Die Schweizerische Vogelwarte Sempach ist seit fast hundert Jahren am See präsent. Lohnt sich ein Besuch auch für jemanden, der sich nicht besonders für Vögel interessiert?
Ja, und zwar weil das Besucherzentrum weit mehr ist als eine ornithologische Ausstellung. Das Gebäude selbst ist ein preisgekrönter Lehmbau direkt am Seeufer, ausgezeichnet mit dem Europäischen Museumspreis EMYA 2017 für Nachhaltigkeit. Die interaktive Ausstellung macht Vogelkunde zugänglich, auch für Kinder, auch für Gäste, die vorher nie daran gedacht hätten, eine Vogelwarte zu besuchen. Und dann ist da noch der Kontext: Die Schweizerische Vogelwarte forscht seit 1924, sie ist das nationale Kompetenzzentrum für Vogelkunde und Vogelschutz der Schweiz. Das ist Geschichte, die sich in der Landschaft am Seeufer niederschlägt. Das spürt man, wenn man dort entlangläuft.
Sursee liegt am nördlichen Ende des Sees. Was hat die Stadt Tagesbesuchenden zu bieten?
Sursee hat eine mittelalterliche Altstadt mit einer Georgskirche aus dem 11. Jahrhundert und einem barocken Rathaus, und das Besondere ist: Das sieht man dort nicht wie in einem Freilichtmuseum, es ist einfach da. Die Leute gehen einkaufen, in die Beiz, zum Markt. Kein Potemkinsches Dorf. Für mich ist Sursee eine natürliche, ehrliche und sehr schöne Stadt der Region, weil sie sich nicht um ihren eigenen Charme bemüht. Den hat sie einfach. Wer mit dem Velo fährt, ist vom Hotel in gut zwanzig Minuten dort. Das ist auch für Gäste machbar, die normalerweise nicht viel Velo fahren.
Sie bieten für Businessgäste auch Rahmenprogramme rund um die Region an. Was wird am häufigsten gebucht?
Der Besuch im ParaForum ist beliebt, gerade für Gruppen, die einen inhaltlichen Akzent setzen wollen, der über das rein Touristische hinausgeht. Dann natürlich Veloausflüge entlang des Sees, geführte Touren, Wasseraktivitäten je nach Jahreszeit. Zudem organisieren wir auf Wunsch spezielle Anlässe, zum Beispiel Highland Games oder Eisstockschiessen. Was ich meinen Gästen immer sage: Sie müssen das nicht über uns buchen. Wenn jemand einfach nach dem Abendessen den See entlanggehen will, reicht das. Manchmal ist das sogar das Richtigste. Wir organisieren gerne, aber wir zwingen niemanden in ein Programm.
Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort rund um den See?
Der private Seezugang der Schweizer Paraplegiker-Gruppe am Ufer in Nottwil am frühen Morgen. Bevor die Gäste aufwachen, bevor der Tag anfängt. Der See liegt dann oft noch im Nebel, man sieht die Alpen dahinter, kein Lärm, keine anderen Menschen. Das ist schwer zu beschreiben, man muss es einmal selbst erlebt haben. Ich gehe dort regelmässig spazieren, um den Kopf freizubekommen, und bin jedes Mal dankbar, dass ich das vor der Haustür habe. Das klingt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber es ist so.
Zum Schluss: Was würden Sie jemandem raten, der zum ersten Mal für ein Seminar zu Ihnen kommt und die Region kennenlernen möchte?
Einen Tag früher anreisen oder einen Tag länger bleiben. Das ist der ehrlichste Tipp, den ich geben kann. Nicht wegen uns als Hotel, sondern wegen allem, was ausserhalb der Seminarräume wartet. Der See, der Campus, das ParaForum, Sursee, die Vogelwarte, die Velowege. Das alles braucht Zeit. Wer nur fürs Seminar kommt und einen Tag früher abreist, verpasst das Beste. Das sage ich meinen Gästen beim Einchecken, und ich sage es jetzt auch Ihnen.