17.09.2026 00:00
Geschichte und viel Gänsehaut
Nach zwei Jahren Bauzeit öffnete das Panorama Konstanz seine Türen. Ein Besuch, der unter die Haut ging.
Ein Schritt hinein – und plötzlich liegen mehr als 600 Jahre zwischen draussen und drinnen. Das neue Panorama Konstanz überwältigt mit gewaltigen Bildern, unzähligen Details und Momenten, die unerwartet tief berühren.
Konstanz Und da stehen wir nun vor dem gewaltigen, farbig schimmernden Turm. Über Monate haben wir uns gefragt, was darin wohl – allein schon angesichts dieser Dimensionen – Monumentales entsteht. So viel sei vorweggenommen: Was der Künstler Yadegar Asisi hier in den vergangenen Jahren geschaffen hat, rührt uns später zu Tränen. Mit «uns» meine ich meinen Mann Marc und mich. Am zweiten Tag nach der Eröffnung betreten wir die grosse Eingangshalle. Irgendwie hatte ich mehr Disneyland-Atmosphäre erwartet: lange Schlangen vor der Kasse, Gedränge, ein grosser Geschenkeshop. Doch obwohl die Eröffnung noch keine 24 Stunden zurückliegt, ist es erstaunlich unaufgeregt. Gesellschafter und Geschäftsführer Johannes Schweizer kommt uns strahlend entgegen. Dass der grosse Ansturm ausbleibt, scheint ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen. «Am Eröffnungstag des ersten Panoramas in Pforzheim blieben die Gäste vollends aus», sagt er und hebt entspannt die Schultern. «Und heute besuchen uns jährlich mehr als 150'000 Gäste.»
Das Abenteuer beginnt
Als Vorbereitung auf das Kommende werden die Besuchenden zunächst durch eine Ausstellung geführt. An den Stellwänden begegnen uns die «Hauptakteure» jener Zeit. Wir schlängeln uns im Schnelldurchlauf durch die wunderbar aufgebaute Ausstellung, die eigentlich deutlich mehr von unserer Zeit verdient hätte. Doch das grosse Schild «Panorama» zieht uns geradezu magisch an. Nun trennen uns nur noch wenige Treppenstufen von dem, was dahinter wartet. Dann bricht es über uns herein wie eine gewaltige Welle. Wir stehen einfach da und schauen nach oben. Die Menschen um uns herum tun dasselbe. Vermutlich eine ganz natürliche Reaktion, wenn man plötzlich etwas derart Gewaltigem gegenübersteht. Oder besser gesagt: wenn man mit einem Schlag selbst Teil davon wird. Auf seinem 3'200 Quadratmeter grossen Rundbild zeigt Asisi Händler, Handwerker, Geistliche und ganz normale Menschen – das alltägliche Leben in einer Stadt, die damals plötzlich zum politischen und religiösen Zentrum Europas wurde. Unterlegt von einer perfekt abgestimmten Geräuschkulisse tastet man sich mit den Augen langsam vorwärts und entdeckt mit jedem Blick neue Details.
Ohne Worte
Ein Seiltänzer balanciert hoch über den Dächern. Tauben scheinen das Spektakel zu verfolgen. Menschenschleppen schwere Mehlsäcke, köpfen ein Huhn oder beladen einen Pferdewagen. Hunderte kleine Szenen spielen sich gleichzeitig ab. Wie im Rausch lassen wir uns treiben, folgen einzelnen Handlungen und tauchen immer tiefer in das mittelalterliche Konstanz ein. Langsam lösen wir uns aus diesem ersten überwältigenden Moment und steigen die Treppen zur ersten Plattform hinauf. Genau in diesem Augenblick wird es Nacht. In den Häusern beginnen Lichter zu flackern, die Kirchenfenster leuchten auf, die Geräusche werden leiser. Ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen und ich stelle fest, dass es Marc gleich geht. Für einen Moment wende ich den Blick ab und schaue mich um. Neben mir steht eine Frau regungslos da. «Unfassbar, oder?», flüstert sie, als sich unsere Blicke treffen. Ich nicke. Und zum ersten Mal in meiner Zeit als Journalistin verspüre ich nicht sofort den Drang, sie mit Fragen zu überhäufen. Hier versteht man sich auch ohne Worte.
Schwerer Abschied
Wir arbeiten uns Etage für Etage nach oben. Dabei fasziniert uns immer wieder, wie Asisi es geschafft hat, dass die Perspektive aus jedem Blickwinkel funktioniert. Egal, von welcher Höhe oder von welcher Seite aus wir auf das Rundbild schauen: Die Stadt zieht uns immer weiter hinein. Wir beginnen uns in dieser riesigen Szenerie zurechtzufinden. Da müsste heute die Marktgasse sein, dort drüben die Europabrücke. Wo sich im Panorama noch das Wasser bis weit an die Stadt heranschiebt, reihen sich heute die Restaurants entlang der Hafenmeile. Was geschichtlich wann und in welcher Reihenfolge genau passiert ist, gerät dabei fast ein wenig in den Hintergrund. Und vielleicht ist gerade das eine der grossen Stärken des Panoramas: Man muss kein fundiertes Vorwissen über das Konstanzer Konzil mitbringen, um sich darin zu verlieren. Und genau das macht es so schwer, sich irgendwann wieder loszureissen. Denn jedes Mal, wenn wir glauben, nun langsam alles gesehen zu haben, taucht irgendwo ein neues Detail auf.
von Desirée Müller