Simon Wolfer und Erwin Wagner stellen das Budget 2026 vor.
21.10.2025 16:39
"Die Zitrone ist ausgequetscht"
Weinfelden kämpft mit knappen Mitteln darum, den Spagat zwischen Sparzwang und Zukunftsgestaltung zu schaffen
Die Stadt Weinfelden stellt sich auf anspruchsvolle, aber planbare Finanzjahre ein. Das Budget 2026 rechnet mit einem Defizit von rund 1,5 Millionen Franken, ähnlich wie im Vorjahr. Stadtpräsident Simon Wolfer spricht von einem realistischen und verantwortungsvollen Budget, das trotz Spardruck wichtige Weichen für die Zukunft stellt.
Weinfelden Erwin Wagner, Leiter der Finanzverwaltung, blickt auf drei Jahrzehnte Erfahrung zurück. Er erinnert sich an Zeiten, in denen die Budgetsitzungen noch weniger komplex waren. „Früher war vieles einfacher“, sagt er. „Viele Ausgaben wurden einfach durchgewunken, ohne dass man jedes Detail hinterfragt hat.“ Heute sei das anders. Der Stadtrat habe für das aktuelle Budget mehrere Sparrunden hinter sich, um jede Position genau zu prüfen und den Aufwand zu begründen. „Wir müssen viel genauer hinschauen, vergleichen und abwägen. Das braucht mehr Zeit, aber es führt zu besseren Entscheidungen“, erklärt Wagner.
Die Rahmenbedingungen hätten sich grundlegend verändert. Steigende Kosten in allen Bereichen, stagnierende Einnahmen und wachsende Erwartungen der Bevölkerung zwängen die Stadt zu einem bewussteren Umgang mit ihren Mitteln. „Früher konnte man auf höhere Steuereinnahmen hoffen, heute ist die Lage deutlich enger“, sagt Wagner. „Die Zitrone ist ziemlich ausgepresst. Trotzdem wollen wir handlungsfähig bleiben und den Auftrag der Stadt weiterhin erfüllen.“
Besonders die Sport- und Freizeitinfrastruktur verursacht hohe Aufwendungen, auch weil Weinfelden Anlagen für weit mehr als 12 000 Einwohnerinnen und Einwohner bietet. „Das ist ein Qualitätsmerkmal, aber es kostet natürlich“, sagt Wagner. Die Eishalle etwa bleibt ein Dauerprojekt, das gepflegt und technisch erneuert werden muss. Die Energiekosten seien zwar leicht zurückgegangen, lägen aber weiterhin über früherem Niveau.
Investieren mit Weitsicht
Für 2026 sind Investitionen von brutto 6,5 Millionen Franken vorgesehen, netto 5,7 Millionen. Der Fokus liegt auf Sport, Verkehr und städtischer Infrastruktur. Geplant sind unter anderem die Sanierung des Fussballplatzes Gütti, die Erneuerung der Verbindungswege, technische Investitionen im Thurgauerhof sowie erste Vorarbeiten im Bereich Bahnhof und Bushof. „Wir wollen gezielt dort investieren, wo es die Lebensqualität sichert“, betont Wolfer. „Nicht in die Breite, sondern mit klarer Wirkung.“
Ein besonderer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung des Stadtzentrums. Für die Projektierung einer Begegnungszone sind erste Mittel vorgesehen. „Wir möchten die Aufenthaltsqualität steigern und das Zentrum aufwerten“, erklärt Wolfer. „In den nächsten zwei Jahren wird sich zeigen, in welchem Umfang wir das umsetzen können.“ Eine Umfrage zur Nutzung des Marktplatzes und Ideen für Aufwertungsmassnahmen werden demnächst vorgestellt. Das Projekt verbindet Notwendiges mit Gestalterischem und steht sinnbildlich für die Haltung des Stadtrats: funktional, aber mit Blick auf das Ganze.
Im Kulturbereich wird nicht gespart. „Das Kulturbudget bleibt auf dem bisherigen Niveau, und das ist uns etwas wert“, sagt Wolfer. „Weinfelden lebt von seinen kulturellen Angeboten. Wir wollen sie pflegen, ohne über die Stränge zu schlagen.“
Wachsende Gesundheitskosten als Daueraufgabe
Besonders spürbar sind die steigenden Gesundheits- und Sozialkosten, die den Gemeinden kaum Handlungsspielraum lassen. In der Schweiz lagen die Gesundheitskosten 2024 bei über 97 Milliarden Franken, was rund 11,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Diese Entwicklung zeigt sich auch auf kommunaler Ebene. Weinfelden trägt wie viele andere Gemeinden zunehmend Ausgaben für ambulante Pflege, Betreuung zu Hause und Unterstützungsleistungen, die durch die Alterung der Bevölkerung stetig wachsen. „Die Menschen werden älter, die Betreuung wird teurer, das frisst viele Einsparungen wieder auf“, sagt Wagner. Besonders der Trend hin zu mehr ambulanter Betreuung sei zwar gesellschaftlich sinnvoll, belaste aber die Gemeindefinanzen stark, weil viele Leistungen direkt von der Stadt mitfinanziert werden müssen. Hinzu kommen steigende Kosten im Bereich Spitex und Pflegeheime, die sich nur bedingt steuern lassen.
Trotzdem setzt Weinfelden auf eine aktive Gestaltung. Die Stadt fördert präventive Angebote, stärkt Bewegungsräume und achtet auf soziale Durchmischung. „Wir investieren in Lebensqualität, weil das langfristig Kosten stabilisiert“, sagt Wolfer. Damit bleibt die Strategie klar: anpacken, bevor die Probleme grösser werden.
Die finanzielle Ausgangslage bleibt insgesamt stabil. Zwar nimmt die Verschuldung zu, doch die Zinsen sind tief. „Aktuell zahlen wir rund 80 000 Franken an Zinsen. Das ist verkraftbar“, sagt Wagner. „Wenn das Zinsniveau so bleibt, können wir weiterhin sinnvoll investieren.“ Für die kommenden Jahre hält Wolfer eine moderate Steuererhöhung bis 2027 für denkbar. „Wir wachsen, und damit steigen die Ansprüche an Infrastruktur, Verwaltung und Lebensqualität. Das gehört zur Entwicklung von der Gemeinde zur Kleinstadt.“
Grosse neue Veranstaltungen sind derzeit keine geplant. Stattdessen will die Stadt ihre eigenen Anlässe wie den Wyfelder Fritig und die WEGA weiter unterstützen. „Diese Feste sind Teil unserer Identität“, sagt Wolfer. „Sie bringen Menschen zusammen, stärken das Gemeinschaftsgefühl und machen Weinfelden zu dem, was es ist.“
Weinfelden hält Kurs und bleibt optimistisch. Gespart wird dort, wo es nötig ist, investiert dort, wo es die Zukunft trägt. Der Stadtrat setzt auf Stabilität, Qualität und vorausschauendes Handeln. Trotz enger Budgets bleibt der Blick nach vorne gerichtet. Die Stadt zeigt, dass solide Finanzen und Lebensfreude gut zusammenpassen.
Von Desirée Müller