Neues Format für St.Galler Festspiele
Zum ersten Mal findet die Oper, das Herzstück der St. Galler Festspiele, nicht auf dem Klosterhof, sondern im Stadttheater selbst statt.¶
Auf dem Theaterplatz soll während der Festspiele eine Lounge entstehen
Zum ersten Mal findet die Oper, das Herzstück der St. Galler Festspiele, nicht auf dem Klosterhof, sondern im Stadttheater selbst statt.¶
Festivaltradition Seit zwei Jahrzehnten gehören die St. Galler Festspiele zu den bedeutendsten Kulturereignissen der Ostschweiz. Kaum ein anderer Veranstaltungsort prägte das Festival so stark, wie der Stiftsbezirk mit seiner barocken Kathedrale. Die Ausgabe 2026 ist jedoch speziell: Erstmals findet die zentrale Opernproduktion («Aida») nicht auf dem Klosterhof oder an einem externen Ort statt, sondern im eigenen Theaterhaus. Damit beginnt für die Festspiele eine neue Phase.
Die Open-Air-Oper im Klosterhof war lange das Herzstück der Festspiele. Die eindrucksvolle Kulisse des Unesco-Weltkulturerbes machte Produktionen wie «Il Trovatore», «Notre Dame» oder «Giovanna d’Arco» einzigartig. Doch die Nutzung des Klosterhofs wurde durch eine kantonale Konzession neu geregelt. Seither darf die aufwendige Festspieloper dort nur noch alle zwei Jahre stattfinden. Diese Regelung soll einen Ausgleich zwischen kultureller Nutzung, Denkmalpflege und öffentlicher Zugänglichkeit des Stiftsbezirks schaffen. Die Folgen dieser Entscheidung prägen die Festspiele bis heute. Bereits 2024 wagte Konzert und Theater St. Gallen mit einer Produktion auf dem Flumserberg ein Experiment ausserhalb der Stadt, was nicht den gewünschten Erfolg brachte. Einen alternativen externen Festspielort zu suchen, hätte für die Verantwortlichen grossen Aufwand und eine logistische Herausforderung bedeutet. Für 2026 hat man sich daher bewusst für einen anderen Weg entschieden: Die Festspieloper kehrt ins Stammhaus zurück.
Für die Theaterdirektion ist das neue Festspielkonzept ein historisches Novum: Die diesjährige Festspieloper wird erstmals als eigentliche Hauptproduktion im Grossen Haus des Theaters gezeigt. Statt einer temporären Freiluftbühne nutzt man die vorhandene Infrastruktur des Hauses und rückt damit die eigene Institution stärker ins Zentrum des Festivals. Dieser Schritt wird von der Theaterleitung nicht als Notlösung verstanden. Vielmehr soll gezeigt werden, dass die Festspiele auch ohne die ikonische Klosterhof-Kulisse künstlerisch attraktiv bleiben können. Gleichzeitig werden Theater und Tonhalle als kulturelles Ensemble gestärkt. Die Ausgabe 2026 versteht sich daher als bewusste Weiterentwicklung des Festivalgedankens.
Im Mittelpunkt der Festspiele 2026 steht Giuseppe Verdis Oper «Aida». Das Werk zählt zu den bekanntesten Opern der Welt und verbindet monumentale Chorszenen mit einer zutiefst persönlichen Liebesgeschichte. Regie führt Ben Baur, der in St. Gallen bereits mit seiner «Faust»-Inszenierung grosse Aufmerksamkeit erregte. Die musikalische Leitung übernimmt Chefdirigent Modestas Pitrenas, für den die Produktion zugleich ein bedeutender Abschied von seiner langjährigen Tätigkeit in St. Gallen sein wird. Gerade für «Aida» eröffnet die Verlegung ins Theater interessante Perspektiven: «Aida wird zwar oft als Freilichtoper gezeigt. Dass sie im Rahmen der St. Galler Festspiele nun im eigenen Haus gespielt wird, ist jedoch kein Nachteil, sondern betont die psychologische Seite des Stücks, ohne auf die Opulenz etwa der monumentalen Chorszenen verzichten zu müssen», sagt dazu Theaterdirektor Jan Henrich Bogen. Die technischen Möglichkeiten des Hauses würden zudem neue Freiheiten für Licht, Bühnenbild und Dramaturgie schaffen.
Auch wenn die Oper das Herzstück ist, bestehen die St. Galler Festspiele traditionell aus mehreren Programmsparten. Neben der Oper gehören eine Tanzproduktion, Schauspiel, Konzerte sowie verschiedene Begleitveranstaltungen zum Festival. Dieses mehrteilige Konzept soll auch 2026 erhalten bleiben. Die Festspiele verstehen sich nicht nur als Opernfestival, sondern als breit angelegte Kulturveranstaltung, die unterschiedliche Kunstformen miteinander verbindet.
Dazu wird in diesem Sommer der Theaterplatz vom 18. Juni bis zum 4. Juli in eine Outdoor-Lounge mit Foodständen, Sommerdrinks und Livemusik verwandelt. Neben dem gastronomischen Angebot des Restaurants «Concerto» kann man sich dort st. gallisch-traditionell mit Bratwurst und Pommes verpflegen.Alternativ gibt es neu aber auch römische Pizza vom Restaurant Pantaleo. Die Lounge öffnet Montag bis Samstag ab 17 Uhr und sonntags ab 16 Uhr. Das dort gebotene kulturelle Programm reicht von Live-Painting mit Lionel David (mehrere Daten) über «Hackbrett meets Jazz» bis zu «Latin Love». Bei Regen findet das Kulturprogramm im Theaterfoyer statt. Weitere Festspielorte sind erstmals die St. Laurenzen Kirche mit einem «Orgel in 3D»-Festkonzert oder die Stiftsbibliothek als Schauplatz der «Opera a tre». Der Verzicht auf den Klosterhof löste in St. Gallen durchaus Diskussionen aus. Dennoch bietet das neue Format Chancen, wie es Bogen ausdrückt: «Das Festival wird dieses Jahr wetterunabhängiger und dadurch besser planbar. Und wir bekommen die Möglichkeit, dem Festspielpublikum das grossartige Ensemble aus Theater und Tonhalle zu präsentieren. Ausserdem etablieren wir den Theatervorplatz als neuen Ort des ungezwungenen Beisammenseins mit vielen spannenden kulturellen und kulinarischen Höhepunkten, die das Festspielprogramm noch erweitern.»
Astrid Nakhostin
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